TAMAR TAL ANATI ÜBER IHREN FILM

„Ich kann mich mit Andrea identifizieren“

Sie kommen von der Fotografie. Wie gelang Ihnen der Einstieg Geschäft der bewegten Bilder?

 

Mein erster Film erzählte von einem Fotogeschäft in Tel Aviv, LIFE IN STILLS. Mein Interesse an der Fotografie führte mich zu einer erstaunlichen Geschichte, die ich erzählen mußte.

 

In Ihrem ersten Film spielt ein alte Dame die Hauptrolle. Jetzt haben Sie es mit drei ganz alten Männern zu tun. Was fasziniert Sie am Alter? Und was an der jüdischen Geschichte?

 

Ich muß gestehen, daß ich eine starke Verbindung zu Menschen in ihren letzten Jahren spüre. Ihr Leben, ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Sicht auf unsere Welt hat mich schon immer fasziniert. Bei SHALOM ITALIA geht es nicht um jüdische Geschichte, der Geschehene könnte jeder Familie jeder Religion, jeder Herkunft passiert sein, der Krieg könnte jeder Krieg sein. Es ist eine Geschichte über eine Familie auf der Flucht, im Versteck, und über die Situation 70 Jahre später: welche Erinnerung hat bei den Überlebenden überlebt.

 

Wie kam es zu der Idee, einen Dokumentarfilm über die drei Brüder zu machen?

 

Ich war beim Abendessen bei der Familie meines Mannes, als plötzlich sein Vater, Bubi, sagte: meine älteren Brüder und ich haben gerade Flugtickets nach Italien gekauft, wir wollen die Höhle suchen, wo wir uns als Kinder vor 70 Jahren versteckt haben. An diesem Punkt wußte ich sofort, daß dies mein nächster Film wird. Da ich die drei Brüder kannte, war mir klar, daß es nicht wichtig ist, ob sie die Höhle finden oder nicht. Wohl aber daß eine einmalige Gelegenheit wäre, eine Reise zu unternehmen, die es nur einmal im Leben geben kann, mit drei wirklich einzigartigen, komischen, dramatischen Figuren.

 

Können Sie uns einige Details über die Familie berichten? Was war der Hintergrund? Die Familie schien wohlhabend zu sein, wovon lebte sie?

 

Die Familie war in Italien seit Generationen ansässig. Der Vater war Architekt, er besaß ein Bauunternehmen, das verfallene Häuser in Toskana kaufte und sie zu Villen umbaute. Das war in den 1930er Jahren. Als die Judenverfolgung in Italien einsetzte, mußte die Familie diese Firma verkaufen, der Erlös rettete sie. Als Florenz befreit wurde und der Krieg zu Ende war, war ihnen nichts geblieben, ihr Haus war bombardiert worden und alle Wertsachen gestohlen. Sie hatten nichts mehr und beschlossen, Italien in Richtung Israel zu verlassen.

 

In welchem Jahr mußten sie aus Florenz fliehen? Sie waren sechs Jahre auf der Flucht? Wieviel Zeit haben sie in der Höhle verbracht?

 

1945 ging die Familie nach Israel. 1938 traten die Nazi-Gesetze in Kraft, die es Juden untersagte, Schulen oder Universitäten zu besuchen. Die Brüder wurden aus der Schule geworfen. Später wurde auch der Besitz von Unternehmen verboten. 1943 klopfte nachts ein Mann an der Tür und warnte die Familie: sie müsse sofort fliehen, ihre Namen seien auf einer Liste für den Zug nach Auschwitz am nächsten Morgen. Sie flohen in jener Nacht in die Wälder der Toskana. Zurück zu ihrem bombardierten Haus kamen sie zwei Jahre später. Sie retteten sich von Unterschlupf zu Unterschlupf, bis sie ihr letztes Ziel erreichten, ein Dorf namens Villa a Sesta. Dort lag der Wald, den der Vater die Höhle herrichtete. Sie verbrachten dort einen ganzen Winter.

 

Wie lange brauchten die Brüder, die Höhle zu finden? Oder soll das ein Geheimnis sein? Wer ist der merkwürdige Führer, den Andrea im Wald trifft?

 

Sie waren vier Tage im Wald. Als wir ein paar Monate später mit Bubis Familie zurückkehrten, um das Gedenkschild zu errichten, brauchten wir wieder zwei volle Tage, um die Höhle zu finden. Und das nicht nur, weil die Autos im Wald steckenblieben. Der Wald ist wirklich sehr schwierig, man verliert dort ganz leicht die Orientierung. Salvatore heißt der Mann, er ist Holzfäller, seine Rolle in Andreas Geschichte ist zweifelhaft.

 

Was halten Sie von dem Konzept, zu überleben, indem man seine Erinnerungen verdrängt? Glauben Sie nicht, daß eine ganze Generation von Menschen nach Israel kam, nur um vergessen zu können?

 

Ich denke, daß in den ersten Jahren Vergessen ein Weg war, um mit dem Leben umzugehen, vor allem in einem neuen Land, das noch kämpft. Aber heute wissen wir, daß der offene Umgang mit Erinnerungen oder mit den eigenen Erlebnissen Wunden heilt, nicht das Verdrängen. Verdrängen, das bei Überlebenden, die nicht sprachen, Wut, Trauer und Schmerz verursachte. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, daß sich bei dem ältesten der Bruder, der so große Schwierigkeiten hatte, seine unterdrückten Erinnerungen zuzulassen, dennoch etwas in seiner Seele öffnete. Und die Gelegenheit, daß er jetzt darüber sprechen konnte, bedeutete für ihn und seiner Umgebung viel.

 

In Ihrem Film fragen Sie, ob wir Aussagen von zeitgenössischem Zeugnis vertrauen können. Die Brüder finden heraus, daß Erinnerung eine Lüge sein kann. Was halten Sie nach Ihrer Erfahrung mit den drei Brüdern von dem in den letzten Jahren so populär gewordenen Konzept der „Oral History”?

 

Ach ja… es fordert einen heraus. Diese Erfahrung mit den drei Brüdern ließ mich an allem zweifeln, was ich im Geschichtsbuch oder in den Nachrichten gelernt hatte. Aus meiner Sicht alles Geschichte im Sinnen von Erzählung. Auch diese Geschichte hat einen Erzähler. Dieser Erzähler stammt aus einer Welt voller Geschichten, die die Art und Weise prägt, wie er uns seine Geschichte erzählt.

 

Die drei vermeiden, über ihren abwesenden Bruder zu reden. Warum?

 

Der vierte Bruder (Dade) starb vor 20 Jahren an Krebs. Sie wollen nicht über ihn sprechen, da sie eine komplizierte Beziehung zu ihm hatten.

 

Wie reagieren die Leute, wenn Andrea sagt, daß er Spaß in der Zeit der Shoah hatte?

 

Es hängt wirklich davon ab, in welchem Land wir den Film zeigen. In Israel brach das Publikum in Gelächter aus (es gab beinahe Szenenapplaus). In den USA kicherten sie… in Amsterdam lachte kaum jemand. Ich frage mich, wie es in Deutschland sein wird. Ich kann sagen, daß ich mich mit Andrea identifizieren kann. Als ich elf Jahre alt war, brach der Golfkrieg aus. Raketen flogen aus dem Irak auf Tel Aviv, wir mußten Gasmasken tragen und ich erinnere mich daran, daß es eine wirklich lustige Zeit war, nicht zur Schule gehen zu müssen und mitten in der Nacht aufzuwachen. Und dann die ganze Familie in einem Zimmer zusammen…

 

Warum ist Bubi die treibende Kraft bei der Reise? Weil er so jung ist?

 

Als Bubi seinen Job im Weizmann-Institut beendete, kaufte er ein Haus in Italien. Er lebt im Sommer in der Toskana mit seiner Frau. Eines Tages beschloß er, in das Dorf in der Nähe des Waldes zu gehen und traf dort 90 Jahre alte Frau, Nada, die sich an die Familie erinnerte. Er versuchte, die Höhle allein zu finden, aber es gelang ihm nicht. Als er nach Israel zurückkehrte, überzeugte er seine Brüder, mit ihm zu kommen, um die Höhle zu finden.

 

Was planen Sie als nächstes?

 

Ich arbeite jetzt an einer TV-Dokumentarfilmserie über Pilotinnen in der israelischen Luftwaffe. Es ist das erste Mal, daß die Armee Kameras bei ihrer renommiertesten Ausbildung zuläßt. Ich folge sechs Mädchen in ihren ersten sechs Monate des Kurses. Ich will verstehen, warum Frauen Kampfpilotinnen werden wollen.